Analog 66

Klaus Modick

Analog 66 - Gesichter einer Stadt

Stephan Meyer-Bergfelds Oldenburger Porträts

Das Freud’sche Kamera-Auge

Das technische Gerät (Hasselblad 500 C, Baujahr 1966) und das Hybridverfahren (analoge, für den Druck digitalisierte Fotos) bringen einen ästhetischen Wert hervor, den ein Gemälde nie haben kann. So realistisch auch immer ein Gemälde daherkommen mag, bleibt es doch bis ins letzte Detail von der Wahrnehmung des Malers gebrochen und von seinen malerischen Fähigkeiten abhängig, ist durch und durch künstlerisch komponiert und gemacht. Ein Gemälde interpretiert also die Welt und übersetzt sie in seine eigene Sprache. Die Fotografie besitzt jedoch keine eigene Sprache als die des Offensichtlichen. Fotos können zwar inszeniert, retouchiert und manipuliert werden, aber sie können nichts erfinden, sondern nur etwas Existierendes vorfinden und abbilden. So nistet dann auch in Stephan Meyer-Bergfelds Fotografien trotz aller Kunstfertigkeit des Fotografen und trotz aller arrangierten Planmäßigkeit in Haltung und Blick der Porträtierten immer noch ein Funke der ungestalteten, ungeschminkten, geradezu nackten Wahrheit, ein unveränderliches Sosein jenes Moments, in dem der Auslöser klickte. Dieser Funken lässt sich, mit einem treffenden Begriff Walter Benjamins, als ein Optisch- Unbewusstes bezeichnen, das die Fotografie ähnlich erschließt, wie die Psychoanalyse das Seelisch-Unbewusste freilegt.

Unterhaltungswert

„Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.“ Georg Christoph Lichtenberg

Von Angesicht zu Angesicht

Die geschichtsphilosophische Bemerkung Walter Benjamins, dass das, was zu verschwinden droht, zu Bildern wird, erhellt auch einen kunstpsychologischen Aspekt der Porträtfotografie. Das menschliche Gesicht ist nämlich nicht nur das Wandlungsfähigste, sondern auch das Vergänglichste am Menschen. Denn das Kindergesicht erlischt in dem des Halbwüchsigen, dieses in dem des Erwachsenen, und in dessen Zerknitterung bildet sich bereits das letzte, das alte Antlitz. Oder, in Albert Schweitzers berühmten Worten: „Mit zwanzig Jahren hat jeder das Gesicht, das Gott ihm gegeben hat, mit vierzig das Gesicht, das ihm das Leben gegeben hat, und mit sechzig das Gesicht, das er verdient.“ Porträtfotografie kommt deshalb dem Versuch gleich, die Hinfälligkeit des lebendigen Gesichts aufzuhalten, etwas zu tun gegen die Tatsache, dass dieses immerzu im Verschwinden begriffen ist. Insofern sind Porträtfotografen auch Konservatoren des Epizentrums der Persönlichkeit – des menschlichen Gesichts.

Grüße in die Zukunft

Fotos konservieren aber nicht nur das jeweils Gegebene, sondern nehmen auch vorweg, an was man sich später erinnern will oder soll. Man fotografiert also für eine fremde Instanz, einen unbekannten Auftraggeber aus der Zukunft. Gute Fotografen haben ein Gespür dafür, an was sich Menschen später erinnern wollen. In seinem Essay „Eine Fotografie verstehen“ bemerkt John Berger, dass Fotos die Entscheidung bezeugen, die ein Mensch in einer bestimmten Situation gefällt hat. Die Bilder sind das Ergebnis des Entschlusses eines Fotografen, festzuhalten, dass genau diese Ereignisse oder Dinge oder Menschen in genau diesem Augenblick gesehen worden sind. Fotoporträts sind also auch Botschaften des Fotografen und zugleich Grüße der Porträtierten in die Terra Incognita der Zukunft.

Gesichter einer Stadt

Vor 100 Jahren, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, hat der überaus einflussreiche Fotograf August Sander unter dem Titel „Antlitz der Zeit“ Menschen aus allen Schichten, Berufen und Lebenswelten fotografiert und damit ein Panorama geschaffen, das die Vielfältigkeit, die Unterschiede und die Ähnlichkeiten deutscher Menschen zeigte. Auch wenn Stephan Meyer-Bergfelds Projekt bescheidener daherzukommen scheint, weil es nicht die Gestalten eines ganzen Landes versammelt, sondern nur die Gesichter einer kleinen nordwestdeutschen Großstadt, ist es doch mit Sanders Verfahren und Absichten vergleichbar. Beiden ging beziehungsweise geht es um die panoramatische Darstellung physiognomischer Vielfalt. In unserer Epoche von Multikulti, globalen Migrationsbewegungen und grenzenloser Internationalität hat sich diese Vielfalt in einem Maße ausdifferenziert und erweitert, über das August Sander wohl ins Staunen geraten wäre. So gesehen, wie Meyer-Bergfeld sie sieht und überzeugend zeigt, sind die Gesichter und Gestalten der kleinen nordwestdeutschen Großstadt heute mondäner, internationaler und polyglotter als in ganz Deutschland zu Zeiten August Sanders. Übrigens empfand sich Sander ausdrücklich als Protagonist der Neuen Sachlichkeit, und Sachlichkeit ist nur ein anderes Wort für die nackte Wahrheit der Fotografie.

Was bin ich?

Auch wenn vor 100 Jahren soziale und berufliche Distinktionen und Klassenunterschiede durch Habitus und Garderobe viel ausgeprägter waren als heute, sah man dennoch nicht jedem an der Nasenspitze an, wes’ Geistes Kind er war und welchem Beruf – von Berufung zu schweigen – er nachging. Deshalb zeigte August Sander die von ihm porträtierten Men- schen gern in berufstypischen Ambienten mit entsprechenden Accessoires: Metzger schwingt Fleischermesser, Konditor rührt in Teigschüssel, Hilfsarbeiter schleppt Steine, Jäger hält Flinte, Kindermädchen schiebt Kinderwagen. Auf solche Eindeutigkeiten verzichten Meyer-Bergfelds Porträts und erzeugen so eine Spannung und Neugier im Betrachter, wer die wohl sein könnten, die ihm da entgegenblicken. Weil Garderoben sich heute in Outfits verwandelt haben, zu Kostümierungen, in denen jeder etwas anderes sein könnte, als er im wirklichen Leben ist, ergeben sich die hübschesten Überraschungsmomente – vorausgesetzt, man verkneift sich den Blick auf die Bildlegenden. Dann nämlich könnte der Puppenspieler genauso gut, wenn nicht besser, ein holländischer Binnenschiffer sein; die Krankenpflegerin eine Boutiquenbesitzerin; der Busfahrer ein weiser Yogalehrer; die Kosmetikerin eine skandinavische Folksängerin; der Energiemanager ein Tennislehrer im Ruhestand; die Physiotherapeutin eine Kunsterzieherin der Sekundarstufe II; der Polizeibeamte und Heimatdichter ein plattdeuschkundiger Krabbenkutterkapitän; der Kommunikationsmanager ein Mathematiklehrer, streng, aber gerecht; die Anästhesieschwester eine berauschende Charakterschauspielerin; der Kellner ein Varietékünstler im Tigerjackett. Nur manche Künstler posieren wie Künstler. Und der Sänger Alphonso Williams sieht genau so aus wie sein Alias Mr. Bling Bling. Am Ende sind solche Verwechselbarkeiten, solche Möglichkeiten, etwas ganz Anderes sein zu können, und sei es nur auf dem jeweiligen Foto, Ausdruck zwischenmenschlicher Verwandtschaft. Es sind demokratische Porträts.

Tiefe und Dauer

Je länger man diese Gesichter betrachtet und den Porträtierten in die Augen schaut, desto intensiver blicken sie zurück. Das liegt nicht nur an den Posen der Personen und auch nicht nur am Blickwinkel, mit dem die Kamera diesen Gesichtern begegnet ist. Vielmehr erzeugt das Arrangement durch Licht und Pose ein Innehalten, als würden die Modelle während der Dauer der Aufnahme gleichsam ins Bild hineinwachsen, womit sich ein entschiedener Kontrast zu Momentaufnahme und Schnappschuss ergibt. Es entsteht der Eindruck von Dreidimensionalität, eine nahezu haptisch fassbare Tiefe, die durch das Baumwollpapier, auf das die Fotos gedruckt sind, noch intensiviert wird. Kurz: Die Porträts sind darauf angelegt, zu dauern und der Furie des Verschwindens zu trotzen. So weit diese Bilder von der flachen Eindimensionalität digital erzeugter Pixeloptik entfernt sind, so nah verwandt sind sie der Daguerreotypie, dem Ursprung der Fotografie also. Von Carl Albert Dauthendey, einem Pionier der modernen professionellen Fotografie, ist folgende Äußerung zur Wirkung der verblüffenden Deutlichkeit seiner Daguerreotypien überliefert: Man habe sich zuerst nicht getraut, die Bilder, die er anfertigte, lange anzusehen, weil man sich vor der als nahezu magisch empfundenen Naturtreue der porträtierten Menschen scheute und glaubte, dass die Gesichter der Personen, die auf dem Bild zu sehen waren, den Blick erwidern und den Betrachter selbst sehen konnten. Wir wissen zwar, dass uns Meyer-Bergfelds Menschen nicht sehen, wenn wir ihnen ins Auge blicken, können uns aber des Gefühls nicht erwehren, dass es vielleicht doch so sein könnte.

Selbst im Bilde sein

„Es gibt in unserem Zeitalter kein Kunstwerk, das so aufmerksam betrachtet würde, wie die Bildnisphotographie des eigenen Selbst.“ (Alfred Lichtwark) Man stelle sich vor, Stephan Meyer-Bergfeld würde Porträts der Porträtierten machen, während diese ihre eigenen Porträts betrachten. Und davon dann wieder ein Foto. Und endlos immer so fort …
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